|
Foto: by-sassi / pixelio.de
Liebe Kolleginnen, liebe Festgäste,
ich möchte Ihr Augenmerk zunächst auf das Bild lenken, das hier vorne im Altarraum steht. Es zeigt eine Frau, die über ein Seil geht (fast möchte man sagen: über das Seil tanzt – denn die Ballerinas, die sie trägt, lassen diesen Schluss durchaus zu). Wir sehen nur die Füße dieser Frau, es könnte also eine jede von uns sein. Unter ihren Füßen spannt sich ein Netz aus, das der Frau auf dem Seil ein gewisses Maß an Halt und Sicherheit gibt.Dieses Motiv wird sich wie ein roter Faden durch unsere Jubiläumsveranstaltung ziehen.Dazu angeregt wurde ich in der diesjährigen Frühjahrstudienwoche der Pfarrsekretärinnen in Sankt Thomas. In der Einstiegsrunde stellte ich die Frage: „Wenn Ihre Pfarrei ein Zirkus wäre (was sie manchmal tatsächlich ja auch ist) – welche Rolle würden Sie darin spielen?“ Auffallend oft kam die Antwort: „Ich sehe mich am ehesten in der Rolle einer Seiltänzerin!“ Viele erleben das Bemühen, allen möglichen Erwartungen gerecht zu werden, als einen regelrechten Balanceakt. Die Anforderungen die an die Pfarrsekretärin gerichtet werden – seitens der Gemeinde, seitens der ehrenamtlichen aber auch der hauptamtlichen Mitarbeiter – werden immer größer. Ist also das Seil ein Sinnbild für diesen Balanceakt ist, so ist das Netz, das sich darunter ausbreitet, ebenfalls ein Symbol – ein Zeichen für all das, was bei aller Belastung und Anspannung letztlich Halt und Sicherheit gibt. Das ist nicht zuletzt unser Berufsverband, dieses „soziale Netzwerk“, zu dem all die Kolleginnen, die am heutigen Tag mit uns feiern, einen wichtigen Beitrag leisten. Zu diesem Unterstützungsnetzwerk gehören aber auch all die vielen, die an unterschiedlichen Stellen mitwirken – im Generalvikariat oder bei den verschiedensten Maßnahmen zur Weiterbildung.Und wie das Netz bei der Arbeit einer Hochseilartistin über Leben und Tod entscheiden kann, so ist auch das soziale Netzwerk unseres Berufsverbandes für manch eine Kollegin notwendig für das Über-leben im Beruf.Weil dieses soziale Netzwerk eine so wichtige Bedeutung für uns alle hat, ist es nur gut und richtig, das Jubiläum seiner Gründung zu feiern – und diese Feier auch mit einem Gottesdienst zu beginnen. Sag mal, Marlene – die biblischen Texte, die Du für diesen Gottesdienst ausgewählt hast, würden die nicht eher zu einer Hochzeitsmesse passen, als zu diesem Jubiläum? Da ist die Rede von der Liebe und vom Eins-Sein. Das ist wohl wahr. Es sind Texte, die sehr gut als Weisung am Beginn des gemeinsamen Lebensweges stehen können. Aber diese Worte sind nicht für Brautleuten formuliert worden, sondern für eine Gemeinschaft von Menschen, die an Jesus glauben und die ihr Leben und vor allem ihr Zusammen-Leben mit all seinen Höhen und Tiefen aus der Kraft dieses Glauben heraus meistern wollen. Ah – ich verstehe. Du meinst, wenn Jesus sagt, er wünscht sich nichts sehnlicher als dass seine Freunde eins sind, sich einig sind, dann gilt das für jede menschliche Gemeinschaft: Für die Gemeinschaft der Jünger ebenso, wie für die junge Christengemeinde in Kolossä, für ein einzelnes Paar ebenso wie für eine ganze Gruppe von Menschen – beispielsweise die Angehörigen unserer Berufsgruppe. Genau das meine ich. Das kommt in unserer Begrifflichkeit ja schon zum Ausdruck: Wir sprechen vom Ehe-Bund und vom Berufs-Verband. Das Bild, das hier gebraucht wird, ist das gleiche: Ehemals Vereinzelte schließen sich zu einer Gemeinschaft zusammen. Es gibt etwas Verbindendes – ein gemeinsames Interesse, wenn Du so willst; ein Band, das alles zusammenhält. Wobei das Ganze mehr ist als nur die Summe der Einzelteile. Also, das musst Du mir jetzt aber genauer erklären. Ich will Dir eine kleine Geschichte erzählen: Ein Vater hatte sieben Söhne, die öfter in Streit waren miteinander. Über das Zanken vergaßen sie ihre Arbeit. Einige böse Menschen hatten sogar im Sinn, diese Uneinigkeit zu nutzen, um die Söhne nach dem Tode des Vaters um ihr Erbteil zu bringen. Da ließ der alte Mann alle sieben Söhne zusammenkommen, legte ihnen sieben Stäbe vor, die fest zusammengebunden waren und sagte: Dem von euch, der dieses Bündel Stäbe zerbricht, zahle ich hundert Taler. Einer nach dem anderen strengte alle seine Kräfte an, und jeder sagte nach vergeblichem Bemühen, das sei gar nicht möglich, die Stäbe zu zerbrechen. – Doch sprach der Vater, nichts ist leichter. Er löste das Bündel auf und zerbrach mühelos einen Stab nach dem anderen. Und er sprach: Wie mit diesen Stäben, so ist es mit euch. Solange ihr eins seid, werdet ihr bestehen und das Erbe bleibt euch erhalten. Löst ihr aber das Band der Eintracht auf, so geht es euch wie den Stäben, die hier zerbrochen auf dem Boden liegen. Versuch es doch selbst einmal (Bündel Schaschlik-Stäbe) Jetzt verstehe ich, was Du meinst. Und in diesem Zusammenhang gefällt mir auch das alte Wort „Eintracht“ sehr gut. Auch wir im Berufsverband haben ja ein gemeinsames Interesse d.h. wir trachten nach ein und demselben Ziel. Wir sind also in Eintracht miteinander verbunden. Siehst Du, und nichts anderes hat Jesus sagen wollen, wenn er am Abend vor seinem Tod für seine Jüngerinnen und Jünger betet: „Für sie bitte ich; und auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Alle sollen eins sein…“ Aber diese Einheit, um die Jesus da bittet, birgt die nicht auch Gefahren? Wenn es keine Opposition mehr gibt, keine gesunde Kritik, kein Für und Wider, wird es dann nicht fade in unseren Gemeinden? Es ist doch nicht von Gleichschaltung die Rede, davon dass es nur noch eine Meinung geben darf. Es geht vielmehr um eine Einheit in der Vielfalt! Nicht um ein „leben und leben lassen“, ein „nebeneinander existieren“ sondern um ein lebendiges Miteinander, eine gegenseitige Bereicherung. Über allem steht die gegenseitige Achtung und Wertschätzung. Ich verstehe, was Du meinst. Und diesen Faden nimmt der Apostel Paulus dann auf in seinem Appell an die Christen in Kolossä: „Liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi.“ Und Paulus fährt fort: „Seid dankbar! Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder…“Wir haben unsere Jubiläumsfeier ganz bewusst mit dieser Eucharistiefeier begonnen. Eucharistie heißt nichts anderes als „Danksagung“. Genau: Wir danken heute in ganz besonderer Weise Gott und auch einander für das Geschenk der Gemeinschaft, der Eintracht und der gegenseitigen Unterstützung, die wir in den vergangenen 20 Jahren erfahren durften. Und hier wird noch eine weitere Parallele zwischen dem Ehe-Bund und unserem Berufs-Verband deutlich: Wie in jeder menschlichen Gemeinschaft geht es auch hier nicht ohne Treue. Das bedeutet: Zueinanderstehen – nicht nur in Hoch-Zeiten, in guten Tagen, sondern vor allem auch in Krisensituationen. „Treue heißt, der ersten Liebe Dauer verleihen“ habe ich kürzlich noch irgendwo gelesen. Auf unseren Berufsverband bezogen kann man es gar nicht treffender ausdrücken als unsere Patronin, die heilige Katharina, es formuliert hat: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten“. Das ist Treue: Sich aufeinander verlassen, einander stärken und – wo es nötig ist – auch Einzelne auffangen in dem sozialen Netzwerk, das wir über die Jahre geknüpft haben. …ganz so, wie wir es in der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Kohelet gehört haben:: „Eine dreifache Schnur reißt nicht so schnell.“ In diesem Sinne auch die Bitte an Gott: Bind uns zusammen, Herr, bind uns zusammen, mit Bändern, die nie zerreißen. Bind uns zusammen, Herr, bind uns zusammen und Liebe sei dieses Band. Dialogpredigt Marlene Schenk - Maria Gierens |